Leserbrief zur NP-Kritik an Claudia Roth

Leserbrief zum Kommentar „Wahrheit und Klarheit“ aus der NP vom 4./5. September 2021
von unserem Vorstandsmitglied Rolf Hollering

In der Bildersprache unserer Kultur gibt es die Maria und die Hure nicht von ungefähr: Diese Bilder sind ein Werkzeug dafür, die passive, stille Frau zu überhöhen und die aktive, laute, unangepasste Frau zu erniedrigen. Bewusst oder unbewusst werden diese Bilder immer wieder eingesetzt, zuletzt in dieser Zeitung: Eine starke Frau, die in unserer Gesellschaft etwas beiträgt und die hier zu uns nach Coburg kommt, weil sie etwas zu sagen hat, wird schnell und ohne soliden Grund Charakterlosigkeit vorgeworfen. Dieses „Urteil“ überschattet ihren Beitrag zu unserem Gemeinwesen und beschädigt sie als Person.

Es ist allzu einfach, den Blick auf echte oder absichtsvoll erfundene Unzulänglichkeiten engagierter Frauen zu richten, anstatt sich mit ihrer Botschaft und ihrer Leistung für unser Gemeinwohl auseinanderzusetzen. Jesus hat sehr deutlich gemacht, was er von solch einem Verhalten gehalten hat: Der, der ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein, hat er gesagt und: Man soll zuerst den Balken im eigenen Auge sehen, bevor man den Splitter im Auge des Nächsten kritisiert. Das sind die Grundfeste, auf denen unsere Gesellschaft hier in Deutschland (hoffentlich noch) fußt. Das Maul aufzureißen, um einer gemachten Frau Unmoral vorzuwerfen ist ein enttarnender Reflex und passt nicht mehr in unsere Zeit. Unsere coolen Frauen haben so viel zu sagen und so viel in unser Gemeinwesen einzubringen, dass man ihnen als Journalist und Wähler zuhören sollte und sie nicht auf so billige und an der eigentlichen Sache vorbeigehenden Weise schlecht machen sollte.

Wenn es inhaltlich etwas Wichtiges zu kritisieren gibt, dann vielleicht, dass ein Kanzlerkandidat Scholz sich durch seine gezielte Untätigkeit als Finanzminister am größten Raub der Geschichte von Privatleuten am Gemeinwesen („Cum-Ex-Skandal“ genannt) mitschuldig gemacht hat, indem er vermutlich die Superfrechen und Superreichen vor Rückzahlung der gestohlenen Steuern verschont hat, wie die Wirtschaftswoche vor wenigen Tagen berichtete. Aus diesen Ecken droht Gefahr, nicht aus der täglichen Kärrnerarbeit verdienter politisch aktiver Frauen, die etwas zu sagen haben. Der Medienhype aber entsteht über formale Fehler im Buch einer jungen Frau, die sich für unsere Lebensgrundlagen verkämpft. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Und noch ein Hinweis zur Kritik an Claudia Roth: Die grüne Partei in unserer Stadt wählt unser Krankenhaus als Veranstaltungsort im Wahlkampf nicht, um die Angestellten dort für ihre Sache zu instrumentalisieren, sondern weil sich genau dort die Folgen von Hitzewellen, Abgas- und Lärmbelastung, fehlenden Radwegen und fehlenden Tempolimits, häuslicher Gewalt sowie Alkoholkonsum wie unter einem Brennglas zeigen. Anders gesagt: Das Krankenhaus ist der Spiegel der Tatenlosigkeit einer durch Lobbyisten allzu bestechlichen Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD, die eine verfehlte Klima- und Verkehrspolitik, eine unzureichende Gleichstellungspolitik und eine das steigende Wohlstandsgefälle nicht aufhaltende Sozialpolitik auf dem Kerbholz hat. Niemand sollte die politische Auseinandersetzung an einem so wichtigen gesellschaftlichen Schauplatz unter dem Deckmantel der „Neutralität“ unterbinden wollen.

Veröffentlicht in Allgemein, PR-Mitteilung, Stadtpolitik.