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"Selbst denken - Eine Anleitung zum Widerstand" von Harald Welzer

2013.03.17 Selbst denken Teaser

Über ein taz-Interview zum Buch. Die Überschrift zog mich in ihren Bann: Lieber keine Zukunft?" Der Text im Teaser des Artikels: „Die schlechte Nachricht: Die westliche Industriegesellschaft ist am Ende. Die gute: Echte Veränderung von Gesellschaft und Wirtschaft ist möglich, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer."

 

 

Am Freitag, auf dem Weg zum Arzt, hab‘ ich mir das Buch gekauft. In einer Coburger Buchhandlung, am Marktplatz, in der ich das Buch bestellen wollte. Die hatten es aber im Sortiment! Klasse! „Wollen Sie eine Tüte?", wurde ich gefragt. Es ging auch ohne Plastiktüte. Bereits in der Arztpraxis die Schrumpffolie  herunter gemacht und geschmökert. Ein Buch aus dem S.Fischer-Verlag, gebunden, Fadenheftung, 328 Seiten, mit Bändchen, hergestellt aus „Papier aus verantwortungsvollen Quellen" (FSC-Nummer C083411), 19,99 EUR. Ein erstes Durchblättern: Es sind Schwarz-Weiß-Bilder drin und Grafiken. Für „Augentiere" wie wir Menschen schon mal ganz toll. Und das Inhaltsverzeichnis las sich schon vielversprechend: „Die Zukunft als Versprechen - Die Zukunft als Vergangenheit - Wo geht's zurück zur Zukunft? - Extraktivismus - Zerstörung von Sozialität..." - Eine kurze „Störung": Die Visite beim Arzt, Krankmeldung und Rezeptempfang, Heimfahrt mit dem Linienbus, eine Kanne Tee gemacht und dann weiter mit der Lektüre, die mich am Haken hatte.

 

2013.03.17 Selbst denken 1

 

Woran erkenne ich eine „gute Lektüre"?

 

Wenn sie mich in Beschlag nimmt! Wenn ich - das habe ich mir im Studium bei jeder wichtigen Lektüre angewöhnt, die über reine Unterhaltung hinaus geht - mit Unterstreichen wichtiger Textpassagen ganze Seiten damit hervorhebe! Wenn ich (so an diesem Sonntag) den Hauptleseort vom Bett an den Tisch im Esszimmer verlege und froh bin, dass ich ab und zu aufstehen hin- und herlaufen kann, weil das eben Gelesene und Verstandene mich nicht auf dem Stuhl sitzen lässt! Weil mich etwas ärgert, mich eine Textpassage besonders freut oder mich zwischen den Kapiteln des Buches der Blitz der Erkenntnis trifft (ein subjektives Gefühl, zugegeben, das aber wirklich gut tut). All das trat bei der Lektüre von „Selbst denken" ein.

 

2013.03.17 Selbst denken 2

 

 

Der Inhalt:

 

Harald Welzer sieht die kapitalistisch geprägte Konsumgesellschaft westlichen Stils auf ihr Ende zurasen, weil in zunehmendem Maße begrenzt vorhandene Rohstoffe ausgebeutet und zu Produkten verarbeitet werden, die von immer mehr Menschen konsumiert werden, um anschließend als Abfall zu enden. Das geht einher mit einer ungeheuren Umweltzerstörung, mit einem ungeheuren Energieeinsatz (im 20. Jahrhundert hat die Menschheit so viel Energie verbraucht wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor, und der Energieverbrauch ist im beginnenden 21. Jahrhundert kontinuierlich ansteigend) und einer ansteigenden Belastung unserer Atmosphäre mit Treibhausgasen, die durch die Verbrennung fossiler Energieträger frei werden. Die Wetterkapriolen, die wir gegenwärtig erleben, sind den Treibhausgasemissionen der anziehenden Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet. Die jetzigen Emissionen werden ihre Konsequenzen erst in vierzig, fünfzig Jahren entfalten.

 

Jetzt gut leben auf Kosten anderer - aber das dicke Ende kommt!

 

Das derzeitige Wirtschaftswachstum ist laut Harald Welzer möglich durch eine intensivere Ausbeutung von Ressourcen und den Verbrauch von Ökosystemleistungen, die künftigen Generationen nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Jetzt gut leben auf Kosten anderer: Seien es Menschen, die als Billiglohnarbeitskräfte irgendwo auf der Erde zur Verfügung stehen, seien es Menschen, die noch nicht geboren sind. Der Kapitalismus wird in letzter Konsequenz „verbrannte Erde" hinterlassen;  Harald Welzer sieht darin eine „Aufkündigung des Generationenvertrags" und eine „historische Erstmaligkeit". Die sich abzeichnende existenzielle Krise wirft ihre Schatten schon voraus: „Gesellschaften unseres Typs werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mehr und mehr unter Stress geraten, unter Ressourcenstress, Schuldenstress, Migrationsstress usw. Unter erhöhtem Stress schrumpft der Raum zum Handeln: Man beginnt dann nur noch zu reagieren und hört auf zu gestalten - so wie es die europäischen Regierungen unter dem Druck der Finanzindustrie heute schon tun." Und weiter: „Da sich unsere Welt radikal verändern wird, stehen wir nicht vor der Frage, ob alles so bleiben soll, wie es ist, oder nicht. Wir stehen nur vor der Frage, ob sich diese Veränderung durch Gestaltung oder Zerfall vollziehen wird - ob man sehenden Auges die sukzessive Verkleinerung des noch bestehenden Handlungsspielraums geschehen und damit Freiheit, Demokratie, Recht und Wohlstand über die Klinge springen lässt. Oder ob man seinen Handlungsspielraum nutzt, um Freiheit zu erhalten, also auch die Freiheit, die Dinge besser zu machen."

 

In „Green Economy" sieht Harald Welzer keine Lösung (und da kritisiert er die Grünen ganz scharf, weil das in seinen Augen eine Scheinlösung ist).  Auch eine höhere Ressourcen- und Energieeffizienz löst nicht das Problem, da sie letztlich nur dazu führt, die Produktion von Gütern auch in Zukunft  zu sichern. Der einzige Ausweg aus der sich abzeichnenden Katastrophe ist für ihn die Abkehr vom Wachstumszwang, das Bekenntnis zu einem Leben und Wirtschaften mit der Maßgabe „Reduktion": „Die konkrete Utopie heißt: Zivilisierung durch weniger. Nämlich durch weniger Material, weniger Energie, weniger Dreck. Neugier, Sehnsucht nach anderem, Wünsche und Träume darf es dagegen durchaus mehr geben: Sie sind die eigentlichen Produktivkräfte des Zukünftigen."

 

Selbst an der Gegengeschichte zum Status quo arbeiten. Und es gibt positive Beispiele.

 

Zur Abkehr vom Alten gehört eigenes Denken. Harald Welzer ist klar: „Die emotionale Sexyness der Aufforderung »Lasst uns von allem weniger haben« ist arg begrenzt in einer Kultur, die in jeder Faser auf Expansion geeicht ist." Und hier macht Harald Welzer dem Leser Mut: Es gibt eine positive Utopie, mit der man sich eine bessere Zukunft vorstellen kann, wenn auch ohne Masterplan, wie diese Zukunft zu erreichen wäre. Es gibt den Trick, sich über die Zeitebene des „Futur Zwei" als Akteurin oder Akteur einer Geschichte in der Zukunft zu sehen, in der man etwas durch sein Tun und Handeln verbessert hat. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür, sich notwendige Denk- und Handlungsspielräume  zu schaffen sind: Widerstand leisten gegen die kulturellen und wirtschaftlichen Zwänge, die einen zum angepassten Teil der Gesellschaft, zum idealen Konsumenten, zum perfekt funktionierenden Rädchen im Räderwerk des gegenwärtigen Systems machen. Und zu einem moralisch denkenden und handelnden Menschen werden, sich nicht der Marktlogik unterwerfen, sondern sich sozialen Werten verpflichtet fühlen, sich für Gemeinschaften einsetzen, konkret etwas für Menschen und die Umwelt tun. Harald Welzer zählt in seinem Buch zahlreiche Beispiele auf, die zeigen: Es geht. Es gibt mutige Menschen, Vorbilder, die voran gehen, ihre Utopien leben, schon an der „Gegengeschichte zum Status quo" arbeiten, sich für eine bessere Zukunft einsetzen. Diese Menschen, die es in allen Gesellschaftsschichten gibt, brauchen Verstärkung: Uns!

 

2013.03.17 Selbst denken 3

 

Der Link zum taz-Artikel: Lieber keine Zukunft?

Ein Gespräch mit dem Autor bei der Leipziger Buchmesse

Hier geht es zur Homepage von FUTURZWEI Stiftung Zukunftsfähigkeit, der Harald Welzer als Direktor vorsteht.

 

 

Wolfgang Weiß

17.03.2013

 

 

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