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Coburg und der Nationalsozialismus - Vortrag von Harald Sandner

2017.02.06 Harald Sandner Teaser

"In Coburg habe ich Geschichte geschrieben!" Diese Worte stammen von Adolf Hitler. Vielen Coburger Bürgerinnen und Bürgern ist die enge Beziehung zwischen ihrer Stadt und dem Nationalsozialismus nicht klar. Harald Sandner warf bei seinem Vortrag im "Grünen Büro" ein Licht auf die Zeit zwischen 1922 und 1945.

 

Auf Einladung der Coburger GRÜNEN war er am 6. Februar gekommen: Harald Sandner, 56 Jahre alt, in der IT-Branche tätig und akribischer Geschichtsforscher. In seiner Arbeit ist er für korrekte Daten verantwortlich, Fehler darf es nicht geben. Diese Gründlichkeit übertrug sich auf sein privates Interesse: Der Geschichte und einzelnen Personen, die in der Geschichte vorkommen, auf den Zahn zu fühlen. So hat er bereits mehrere Bücher geschrieben: Zu Coburg, zum Coburger Herzogshaus, zu Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha mit dem Buchtitel „Hitlers Herzog".

 

2017.02.06 Vortrag Harald Sandner 1

Vorstandssprecher der Coburger Grünen Kevin Klüglein mit dem Referenten, Harald Sandner.

 

Im letzten Jahr veröffentlichte Harald Sandner das umfangreichste Werk, das jemals zu Adolf Hitler erschienen ist: „Hitler - Das Itinerar": In vier Bänden mit 2.432 Seiten und 2.211 Abbildungen hat Harald Sandner alles zu den Reisen und Aufenthaltsorten des deutschen  Diktators zusammengetragen und mit den historischen Ereignissen in einen Kontext gestellt.  Auf der Internetseite von Herrn Sandner wird der deutsche Geschichtswissenschaftler und Spezialist für die Geschichte des Nationalsozialismus Prof. Dr. Laurenz Demps zu diesem Itinerar zitiert: „Es ist hilfreich für die historische Arbeit, aber auch für Aspekte der politischen Aufklärung. Das Werk ist durch seine Genauigkeit unverzichtbar für die Forschung, auch und vor allem für die regionale." Dr. Christian Hartmann vom Institut für Zeitgeschichte (Herausgeber von „Mein Kampf" und einer der renommiertesten deutschen Historiker) sagt über Sandners Werk: „Als Nachschlagewerk ist es von größter Bedeutung."

 

Was soll in diesem Kontext der Hinweis auf das Regionale? Harald Sandner kam in seinem Vortrag vor gefüllten Plätzen im „Grünen Büro" gleich zur Sache. „Was verbinden Sie mit Coburg?", war seine Eröffnungsfrage. Es folgten Bilder von der Veste, der Coburger Bratwurst, dem Schützenfest und dem Samba-Festival. Aber was sollte das Bild von Adolf Hitler dazwischen? Oder das Foto von Herzog Carl-Eduard in SS-Uniform? Oder Bilder von Geiselerschießungen durch Wehrmachtsangehörige im Zweiten Weltkrieg und ausgemergelten KZ-Häftlinge zwischen Bildern vom Coburger Schützenfest und dem Weihnachtsmarkt? „Coburg und der Nationalsozialismus sind enger miteinander verbunden als vielen bewusst ist!", so Harald Sandner. Und eben diese Verbindung, diesen Zusammenhang arbeitete er in seinem Vortrag heraus.

 

2017.02.06 Vortrag Harald Sandner 2

Harald Sandner bei seinem Vortrag im "Grünen Büro", Steintor 1 in Coburg.

 

Adolf Hitler war mehrmals in Coburg. Und es gab eine besondere Beziehung zwischen ihm und der Vestestadt. Diese besondere Beziehung begann mit dem „Deutschen Tag", einer Veranstaltung rechtsnationalistischer Vereinigungen, der am 14. und 15. Oktober 1922 in Coburg abgehalten wurde. Die damals noch kleine und unbedeutende NSDAP war mit dabei. Und der Parteiführer, Adolf Hitler, nutzte die Veranstaltung in Coburg für seinen ersten großen Auftritt außerhalb Münchens. Zusammen mit mehr als 600 „Kämpfern" kam er in einem Sonderzug am Coburger Bahnhof an und forderte von Anfang an die Staatsmacht heraus: Vorgaben und Verbote der Coburger Polizei wurden missachtet, es kam zu Straßenschlachten, und als Hitler eine Hetzrede im Saal der Hofbräu-Gaststätten hielt, saß Herzog Carl-Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha mit dabei und signalisierte der Coburger Bevölkerung damit seine Unterstützung für diesen Mann und seine Partei. Im Triumph rückten Hitler und seine Gefolgsleute am Ende des „Deutschen Tages" aus Coburg ab und fuhren mit dem Zug zurück nach München.

 

Der Parteiführer zog einige Lehren aus seinem Aufenthalt in der oberfränkischen Stadt: Seine Leute mussten uniformiert sein, um sich bei Saal- und Straßenschlachten besser orientieren zu können. Deshalb wurde die braune SA-Uniform eingeführt. Und mit einem geschlossenen und brutalen Auftreten konnte man sich Respekt verschaffen, auch gegenüber Polizei und der Öffentlichkeit. Diese Strategie behielten die Nationalsozialisten bei - und sie ging auf.

 

Hofbräu Gaststätten 1922

Der Ort der ersten Hitler-Rede während des "Deutschen Tags" in Coburg am 14. Oktober 1922: Die Hofbräu Gaststätten. Bild: Archiv Harald Sandner.

 

Der Hitler-Putsch 1923 scheiterte, Adolf Hitler trat seine Haftzeit im Gefängnis in Landsberg/Lech an und schrieb dort „Mein Kampf". Seinem Auftritt in Coburg widmete er in diesem Buch ein ganzes Kapitel: „Zug nach Koburg". Das zeigt, wie wichtig Hitler diese Tage in Coburg waren, wie stark sie seinen weiteren Werdegang prägten.

 

Der Auftritt von Hitler und seinen Parteischlägern motivierte auch einige Coburger:  Am 13. Januar 1923 gründete sich die NSDAP-Ortsgruppe und schnell machte ein Franz Schwede, der bei den Stadtwerken beschäftigt war, innerhalb dieser Gruppe Karriere. Diffamierungskampagnen und Ausschreitungen gegen jüdische Geschäftsleute und Kritiker nahmen ständig zu. Lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 schufen die ortsansässigen Nazis unter Franz Schwede ein Klima der Angst und Hysterie. Ein prominentes Opfer der nationalsozialistischen Hetze war der jüdische Geschäftsmann Abraham Friedmann, der sich gegen die Anfeindungen von Franz Schwede und seiner Truppe wehrte. Der Coburger Stadtrat stimmte 1929 der Entlassung Schwedes durch die Stadtwerke zu. Die Coburger Nazis schafften es, die Bevölkerung gegen diese Entscheidung aufzuwiegeln, es kam zu einem Volksentscheid, der die  Auflösung des Stadtrats forderte und dem 67 Prozent der Coburger zustimmten. Der darauf folgende Wahlkampf zur Neuwahl des Stadtrats wurde von den Nationalsozialisten dominiert, Hitler kam persönlich nach Coburg, um Reden zu halten. Und so kam es, dass bei den Neuwahlen zum Coburger Stadtrat die NSDAP im Juni 1929, viereinhalb Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich, die absolute Mehrheit erreichte! Franz Schwede wurde der erste nationalsozialistische Bürgermeister Deutschlands.

 

Die braune Ideologie wurde nun, politisch legitimiert, konsequent in Coburg umgesetzt. So wurde im Januar 1930 einem Schauspieler am Landestheater gekündigt, weil er Jude war. Am 18. Januar 1931 hing anlässlich einer Feier zum Gedenken an die Reichsgründung 1871 die Hakenkreuzfahne am Rathaus. Es war die erste Hakenkreuzfahne an einem deutschen Amtsgebäude überhaupt. Erneut war Hitler in Coburg und wohnte der Feier bei. Die Münchner Polizei verweigerte das Ausstellen von Waffenscheinen für die SS-Leibwache Adolf Hitlers. Franz Schwede half: Die SS-Leute konnten sich mit in Coburg ausgestellten Waffenscheinen bewaffnen. 1932, zehn Jahre nach dem „Deutschen Tag" in Coburg, stiftete Adolf Hitler das „Coburger Abzeichen" mit dem Schriftzug „Mit Hitler in Coburg, 1922 - 1932". Es sollte eines der wichtigsten Abzeichen im Dritten Reich werden. Dieses Abzeichen war so bedeutsam, dass es bereits während der Nazi-Zeit gefälscht wurde, um sich damit schmücken zu können.

 

2017.02.06 Vortrag Harald Sandner 4

Adolf Hitler besuchte mehrmals Coburg. Hier bei einer Rede vor dem Coburger Rathaus 1937. Bild: Archiv Harald Sandner.

 

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich wurden die antisemitische Politik und der Kampf gegen Kritiker und Andersdenkende in Coburg radikaler. Die „Prügelstube" hinter dem Rathaus stand dafür, aber auch die Enteignung jüdischer Geschäftsinhaber, die Änderung von Straßennamen - so wurde aus der Bahnhofstraße die „Adolf-Hitler-Straße" und aus der Mohrenstraße die „Straße der SA", die Bloßstellung von kritischen Coburger Bürgern, die im September 1933 auf dem Marktplatz an den Pranger gestellt wurden und die Eröffnung des „Adolf-Hitler-Hauses", einer repräsentativen Parteizentrale am Viktoriabrunnen. Coburg stand immer in der Gunst des deutschen Diktators: Die Stadt wurde Garnisonsstadt und erhielt 1939 den Ehrentitel „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands".

 

Adolf-Hitler-Haus Coburg 1934

Das Adolf-Hitler-Haus in Coburg am Victoria-Brunnen 1934. Bild: Archiv Harald Sandner.

 

Eine unrühmliche und wesentliche Rolle spielte Carl-Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, der eine enge Verbindung zu Hitler hielt und im nationalsozialistischen Deutschland Karriere machte. „Hitlers Herzog" (so ein Buchtitel von Harald Sandner) wurde Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Führer des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps, SA-Obergruppenführer und Inhaber dutzend weiterer Ämter und Titel.

 

Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha Adolf Hitler 1940

Herzog Carl-Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha im Gespräch mit Adolf Hitler 1940. Bild: Archiv Harald Sandner.

 

Dass Coburg während des Zweiten Weltkriegs von Flächenbombardements der Alliierten verschont blieb, war wohl der engen Verbindung des britischen Königshauses zu Coburg zu verdanken: Prinz Albert, der Mann von Königin Victoria, entstammte dem Coburger Herzogsgeschlecht. Die Amerikaner nahmen im April 1945 die Vestestadt ein. Und ein zweites Mal hatten die Coburger Glück: Als ein Teil von Bayern lag Coburg und das Coburger Land in Westdeutschland, die nationalsozialistische Diktatur wurde durch eine repräsentative Demokratie auf der Grundlage des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung überwunden.

 

Die den Coburgern geschenkte Freiheit wurde nach Ansicht von Harald Sandner und vielen Zuhörern des Vortrags nicht genutzt, um die braune Vergangenheit dieser Stadt aufzuarbeiten. „Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte wiederholt, wie wichtig eine Erinnerungskultur für uns Deutsche ist. Die Vergangenheitsbewältigung in Coburg besteht im Verschweigen, Verharmlosen, Ignorieren und in Bildfälschung, letztlich also durch Geschichtsmanipulation. Erinnerungskultur sieht anders aus!", so Harald Sandner. So präsentiere die Stadt Coburg auf ihren Internetseiten die Stadtgeschichte mit einer bezeichnenden Lücke von 1920 bis 1954. Immerhin hat der Coburger Stadtrat im Mai 2015 eine Historikerkommission unter Leitung von Prof. Dr. Gert Melville beauftragt, die Geschichte Coburgs in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts aufzuarbeiten. Harald Sandner könnte mit Sicherheit einiges dazu beitragen; er sagt uns auf Nachfrage: „Mich hat niemand gefragt."

 

2017.02.06 Vortrag Harald Sandner 3

Harald Sandner beim Beantworten von Fragen und in der Diskussion mit den Besuchern des Vortrags.

 

Der Beifall am Ende des Vortrags und die fast einstündige Diskussion zeigte, dass Harald Sandner für die Zuhörer ein wichtiges Thema getroffen hatte. Die Grünen in Coburg bleiben auf jeden Fall in Sachen Aufarbeitung der Coburger Geschichte dran. Auch weil wir es dieser Stadt schuldig sind. Denn nur, wenn wir uns auch den dunklen Seiten der Vergangenheit zuwenden, können wir uns der Gegenwart und Zukunft stellen. Andere Städte wie Nürnberg, München oder Berlin haben das getan. Coburg hat dies noch vor sich.

Wolfgang Weiß

12.02.2017

 

 

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